Aktuelle Leseprobe diesmal aus dem Kapitel III. 4 und IV. 1:
"Die Wende" und "Von Kohl zu Schröder"
Da ergreift Kohl die Initiative und trägt im Bundestag einen Zehn-Punkte-Plan vor, den er mit niemandem abgestimmt hat, weil er, wie er später sagt, sonst zerredet worden und nicht
so schnell zustande gekommen wäre. Seine Frau hat ihn auf der Schreibmaschine geschrieben. Was der Plan im einzelnen vorsieht, ist heute nicht mehr von Bedeutung. Während er eine Konföderation der beiden
deutschen Staaten in Aussicht nimmt und selbst das schon von manchen als bedenklich, als zu weit gehend oder voreilig angesehen wird, entwickeln sich die Dinge viel schneller auf eine vollendete
Wiedervereinigung zu. Die Bedeutung von Kohls Vorstoß liegt darin, dass er damit das Thema unübersehbar auf die aktuelle politische Tagesordnung gesetzt hat. Nun war nicht mehr daran vorbeizukommen, nicht in
Deutschland und nicht in der Weltpolitik.
+Nachzuzeichnen, wie es dann dazu kam, die innenpolitischen Entwicklungen, Wahlen, Volkskammer- und Bundestagssitzungen und die noch sehr viel komplizierteren
außenpolitischen Stationen darzustellen, kann nicht im Rahmen diese Buches liegen. Die amerikanischen Politikwissenschaftler Philip Zelikow und Condoleezza Rice haben den außenpolitischen Gang der Geschichte, zu
dem sie auch selbst beigetragen haben, in einem unbedingt lesenswerten Buch geschildert, das in der deutschen Übersetzung den Titel "Sternstunde der Diplomatie - die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung
Europas" trägt. Aus dem Epilog seien hier die folgenden Absätze wiedergegeben:
Wie am Beginn der Französischen Revolution der Sturm auf die Bastille stand, wird jede Geschichte der deutschen Vereinigung mit einer Volksbewegung beginnen - mit dem Exodus von Männern und Frauen, die genug
hatten vom Mangel und von der Missachtung der Menschenwürde durch das ostdeutsche Regime. Aber es war Helmut Kohl, der diesen Gefühlen Ausdruck verlieh und Kurs auf die Vereinigung nahm. Er ging ein enormes
Risiko ein, als er die Vereinigung auf die internationale Tagesordnung setzte, obwohl darauf noch kein Platz für sie war. Wie er feststellen musste, betrachteten die europäischen Verbündeten ein vereinigtes
Deutschland immer noch mit Argwohn trotz fünfundvierzigjähriger außergewöhnlicher Freundschaft. Briten und Franzosen sind aus dieser Geschichte als zweitrangige Mitspieler hervorgegangen....
Die Vereinigten Staaten dagegen bewiesen Führungskraft. Sie legten sich schon früh auf die Unterstützung der deutschen Vereinigung fest, und da sie dies dem Bundeskanzler wiederholt und deutlich mitteilten,
konnte er im beruhigenden Wissen um die Rückendeckung des mächtigsten Verbündeten der Bundesrepublik seinen Instinkten folgen....
Die Geschichte ist voller verpasster Gelegenheiten. Diesmal jedoch nutzten die politischen Führer ihre Chance durch geschicktes, rasches Handeln - und indem sie auf die Würde der Sowjetunion Rücksicht nahmen.
Die Folge war, dass die deutsche Vereinigung Europa zwar Schrammen zugefügt hat, aber keine Wunden. Dies ist ein Beweis von Staatskunst.
.....
Im September 1998 war ich zu einem Fachseminar nach Dresden gefahren. Auf dem Wege vom Bahnhof zum Hotel erzählte mir der Taxifahrer, am Nachmittag werde er mit seiner Tochter zu einer Wahlkundgebung mit Helmut
Kohl vor der Ruine der im Wiederaufbau befindlichen Frauenkirche gehen. Ich dachte an die schon historisch zu nennende Kundgebung an derselben Stelle mit Helmut Kohl vom 19. Dezember 1989, die auch für Kohl
selbst ein Ereignis gewesen war, das sich ihm tief eingeprägt hatte und von dem er oft sprach. Sie war nicht von ihm geplant gewesen, und er hatte auch Bedenken gehabt, ob das nicht in der damals noch
bestehenden DDR und vor allem von Gorbatschow als Provokation aufgefasst werden könnte. Deshalb hatte er von Bonn aus in Moskau recherchieren lassen und es erst nach beruhigenden Informationen bei der von der
Dresdener Partei geplant gewesenen Kundgebung belassen. Dann waren Zehntausende gekommen, und er war umjubelt worden, wie es das seit dem Kennedy-Besuch in Berlin nie wieder in Deutschland gegeben hatte.
In früheren Zeiten hätte man so ein Ereignis in einem Historiengemälde festgehalten. Jetzt gab es die eindrucksvolle Fotografie von Barbara Klemt, zu der ich mir von ihr einen Abzug beschafft habe. Sie zeigt im
Dunkel des Abends eine Menschenmenge, über deren Köpfe und Fahnen hinweg das Licht der Scheinwerfer zu dem Rednerpult flutet, hinter dem Kohl zu erkennen ist. Das stand mir vor Augen, und wenn er nun gerade an
dem Abend, an dem auch ich in Dresden war, wieder an dieser Stelle sprechen würde, wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Es waren keine Zehntausend mehr, aber doch wohl einige Tausend, die Helmut Kohl wieder
zujubelten. Es war eine seiner letzten Wahlkundgebungen. Dann kam der Wahltag, und seine Koalition wurde abgewählt.
Sein Abgang war würdig. In der Wahlnacht. trat er unverdrossen vor die Mikrofone und erklärte sogleich, er werde nun auch nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren. Bis zum Umzug der Regierung nach Berlin
teilten sich die Kohls und die Schröders die bisherige Kanzlerwohnung in Bonn und hatten eine gemeinsame Küche. Schröder hatte schon im Wahlkampf häufig einen wenn auch zweideutigen, aber jedenfalls eher
lustigen als bösen Ausspruch gebraucht, der einer weit verbreiteten Stimmung entsprach: "Danke, Helmut, nun ist es genug". Nachdem er Kanzler geworden war, würdigte er mehrfach Kohls Verdienste.
"Ein großer Kanzler tritt ab - und wir können sagen, wir haben seine Zeit erlebt" schrieb Georg Paul Hefty in der Frankfurten Allgemeinen Zeitung am Tage seines Abgangs. Dass er ein Großer werden könnte, hätte
man vielleicht schon ahnen können, als er gegen den Zeitgeist den NATO-Nachrüstungsbeschluss vollzog und sich gegen die anbrandenden Demonstrationen gleich wieder einer Wahl stellte. Zu den Voraussetzungen, die
eine Wiedervereinigung möglich werden ließen, hatte er nur zu einem geringen Teil beitragen können. Seine ganz persönliche Leistung bestand darin, dass er, ohne von der verbreiteten Bedenkenträgerei angekränkelt
zu sein, die Möglichkeit entschlossen nutzte, und zwar gestützt auf ein geradezu einzigartiges Vertrauen, das er für Deutschland, insbesondere auch für seine Person weltweit erworben hatte und auch bei den
Widerstrebenden behielt. Es war dann Bismarck'sche Politik, die neue Größe Deutschlands den Nachbarn zumutbar zu machen, hier, den anders gearteten Umständen entsprechend, durch eine feste Einbindung in
Europa.So wurde Kohl in dem ersten Jahr nach seinem Abgang als Kanzler mit Ehrungen im In- und Ausland geradezu überschüttet. .....
Dagegen begannen etwa ein Jahr nach dem Regierungswechsel auf einmal Gegner und "Freunde", Presse, Funk und Fernsehen und sogar Staatsanwälte, über Helmut Kohl herzufallen. Der Anlass wird in der Geschichte
allenfalls noch eine Fußnote wert sein. Schon bald wird kaum noch jemand vernünftig erklären können, worum es eigentlich ging. Traurig war das Verhalten der meisten führenden Persönlichkeiten in der eigenen
Partei, traurig vor allem, dass die historische Leistung der Wiedervereinigung in Deutschland keine große Rolle mehr zu spielen schien. Vielen schien das willkommen zu sein. In dem Bismarck-Roman von Karl-Hans
Strobl gibt es aus der Zeit nach Bismarcks Entlassung eine Szene, an die ich mich erinnert fühlte:
...ohne alle höfischen Wenns und Abers sagte er (Graf Lehndorff) mit Ingrimm: "Es ist eine Schmach, Schmach und Schande, wie sich Deutschland benimmt." ... "Ach Sie meinen", sagte Bismarck mit einem
unergründlichen Gesicht, "die Segenswünsche meiner lieben Landsleute, wie sie mir von den Zeitungen an meinen Pfad gepflanzt werden. Na, ja, es sind ja keine wohlriechenden Gewächse. Ich lese alle Zeitungen und
will mir eine Sammlung von Widmungen an mich anlegen. ... man wünscht mir den Staatsanwalt an den Hals und das Zuchthaus zum dauernden Aufenthalt. Eine hübsche Sammlung, wie gesagt, eine Beschäftigung für meine
Mußestunden, und wenn sie vollständig ist, kommt auf den Deckel die Widmung ‚Seinem lieben Bismarck das deutsche Volk´". "Nein, das ist nicht das Volk", sagte Graf Lehndorff in einer demokratischen
Gefühlsaufwallung, "das Volk hat noch gar nicht gesprochen. Das sind die Kriecher und Kleber, die sich den Mund zerreißen, die Angst vor Ihrer Wiederkehr haben. Man hat Sie an den Marterpfahl geschnürt, und
sämtliche Rot- und Schwarzhäute heulen Ihnen Beschimpfungen zu ...".